Wie es sich mit einer Depression lebt

 

Wir sind mitten im Oktober und damit hat die "dunkle" Jahreszeit begonnen.
Das ist die Jahreszeit, in denen es Menschen mit Depression, häufiger schlechter geht. Daher möchte ich hier einmal versuchen euch zu erzählen wie so ein Leben mit Depression aussehen kann und was daran so anstrengend ist. Aber starten wir mal von Beginn an.

Für viele Menschen ist die Krankheit Depression nicht greifbar, nicht eingängig und ganz grundsätzlich können sich viele darunter kaum etwas vorstellen. Es ist nun einmal kein gebrochenes Bein während dessen Heilung man mit einem Gips herum läuft. Es ist eine psychische Krankheit. Und für Jemanden, der noch nie Kontakt mit diesem Thema hat, ist nun vielleicht zu sagen, dass das alles nur Einbildung ist. Insofern möchte ich hier zum Einstieg mal den Vorstandvorsitzenden der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Ulrich Hegerl, zitieren:
„Depression ist ein Riesenproblem. Das ist eine der häufigsten und schwersten Erkrankungen, die wir haben in Deutschland. Wenn Sie die Diagnose Depression haben, dann ist Ihre Lebenserwartung im Durchschnitt um zehn Jahre verkürzt – nur um mal zu zeigen, dass das nicht eine Befindlichkeitsstörung ist, das ist ja oft eine Verwechslung, die da stattfindet, dass man das mit Stress oder Überarbeitung in Verbindung bringt.“

Nein, pure Einbildung klaut einem keine Lebensjahre. Eine wirkliche Erkrankung ist dazu aber durchaus in der Lage.
Pro Jahr erkranken ca. 8%* der deutschen Bevölkerung an behandlungsbedürftigen Depressionen. 8% klingt wenig, aber im Prinzip sind das etwas mehr als 6,5 Millionen Menschen, die temporär oder dauerhaft an Depressionen leiden. Stellt euch mal 6,5 Millionen Menschen mit einem Gips vor. Mit diesen Menschenmassen könnte man ca. 86 mal die Allianz Arena füllen. 
Wo man den Gips hin packen sollte? Vielleicht auf den Kopf. Aber eigentlich auch am Herz, an die Seele, an den gesamten Körper.. So eine Depression lässt sich nicht so einfach begrenzen. Deshalb gibt es dafür Spezialisten die einem helfen können.

Ich habe mittlerweile über 60 Therapiestunden hinter mir. 60 Stunden, die teilweise wahnsinnig anstrengend und gleichzeitig so wertvoll waren und mich gelehrt haben mit dieser Erkrankung in irgendeiner Weise umzugehen. Ich bin also kein Mediziner und auch kein Therapeut. 
Und alles was ich euch hier beschreibe stammt aus meiner eignen Erfahrung.

Nun, die Krankschreibung liegt schon länger hinter mir. Die ersten Therapiestunden waren anstrengend. Generell und überhaupt der ganze Prozess sich tatsächlich einem Arzt anzuvertrauen, sich mehr oder weniger selbstständig Hilfe zu suchen in Form einer Akutklinik und sich dann auf die Suche nach einer längerfristigen Therapie mit einem Therapeuten zu machen, dem man sich anvertrauen kann.. das war nicht einfach. Und das alles natürlich mit den permanenten Gedanken die eine Depression eben so ausmachen.

Jetzt bekomm ich das mit der Depression und den komischen Gedanken in meinem Kopf ganz gut hin. Ich kann mich Abgrenzen und bewusst dafür entscheiden meine Gedanken anders zu deuten und zu interpretieren als noch vor einigen Jahren.
Aber ja, ein Leben mit so etwas ist nicht einfach und auch bei einer recht weit fortgeschrittenen Therapie ist es tageweise sehr schwer damit zurecht zu kommen, während ich zu anderen Zeiten nahezu vergesse, dass da etwas war oder ist.
Zuletzt ist mir ein recht passendes Symbol eingefallen, mit dessen Hilfe ich euch vielleicht einen Eindruck vermitteln kann, wie sich so etwas anfühlt.
Im Prinzip gleicht es bei mir, einem sehr unsportlichem Individuum, täglichen Liegestützen.
Manches mal gelingen diese Liegestützen sehr einfach. Und manchmal habe ich mir selbst, Andere oder einfach veränderte Lebenssituationen zusätzliche Gewichte drauf gepackt während dem ich versuche mich da hoch zu stemmen. Dazu kommen dann noch normale "gute und schlechte" Tage. Tage mit mehr oder weniger Energie.
An Tagen mit wenig Energie und vielen "Gewichten" kann es durchaus vorkommen, dass die Depression teilweise nochmal gewinnt. Und wenn dieser Prozess los geht, nein, das merke ich nicht sofort, dann geht es darum zu erkennen was ich da gerade denke und in welche mentale psychische Fallen ich da gerade wieder tappe.
Das kann unter Umständen durchaus ein paar Tage brauchen bis ich das sehe und dagegen ansteuern kann. Und ja, diese Erkrankung macht, dass man, mehr oder weniger, pure Verzweiflung oder Überforderung einfach nicht fühlt oder sehen kommt bevor sie einen überrollt. In dieser Zeit befinde ich mental gesehen wohl in eine Art Zimmer ohne Licht ohne Tür und Fenster und ohne Raumklang. Wenn da eine Lampe und ein Lichtschalter wäre, bin ich in dieser Zeit nicht in der Lage das Licht anzuschalten. So oder so ähnlich könnte mam sich das vorstellen.

Es ist also eine tägliche Herausforderung mit den eigenen Gedanken gepaart mit den normalen Herausforderungen unseres Lebens in unserer Zeit.

Was mir an solchen schlechteren Tagen, sofern ich sie dann mal wieder erkannt habe, hilft ist erst einmal ganz grundsätzlich die Erinnerung, dass ich es schon mal geschafft habe. Dass es mir schon einmal besser ging in einer gleichen oder sehr ähnlichen Situation und dass dieses "Zimmer" gar nicht dunkel ist, sondern hell, mit Fenster, Tür, Freunden, Bekannten und allem anderen was ich so liebe.
Gleichzeitig bin ich mir durch die Therapie doch recht bewusst wie diese Gedankenschleifen funktionieren. Auch das hilft um dann rechtzeitig abzubiegen bevor es zu tief in den Kaninchenbau hinein geht, das Zimmer wieder stockdunkel wird oder ich die mentalen Liegestütze nicht mehr schaffe.

Und dann gibt es noch den Faktor, der mir am meisten hilft: 
Ich bin ein Mensch mit recht starker Lösungsorientierung. Wenn etwas für mich nicht funktioniert oder mir sehr schwer fällt, dann möchte ich das analysieren warum das so ist und wie ich es besser machen kann um es für mich ganz persönlich lösbar zu gestalten.
Zu deutsch ich schaue mir meine Gewichte, die mich die Liegestütze nicht mehr schaffen lassen an. Vielleicht sind manche einfach zu groß und zu schwer um auf einmal gestemmt werden zu können. Vielleicht darin aber auch ein Teil, den ich gar nicht beeinflussen kann. Und so gelingt es mir meistens diese Päckchen kleiner zu packen, aufzuteilen, mir nur ein paar vor zu nehmen und vielleicht doch nicht mit den Größten davon anzufangen.

Das gelingt immer besser. Aber grundsätzlich ist es eine länger andauernde Übungsphase. Solange ich für mich auf der einen Seite weiß was ich kann, will und wünsche aber auch auf der anderen Seite was ich nicht möchte und vielleicht auch gar nicht kann, solange bin ich auf einer recht guten Basis und kann auch versuchen die Umstände, die mich in solche Situationen treiben zu verändern.
Nein, sinnvolle und vor allem realistische ToDo-Listen schreiben kann ich immer noch nicht. Die werden bei mir allermeistens zu groß, zu lang, zu unrealistisch und gehen weit über das schaffbare hinaus. Aber ich muss ja auch keine schreiben. 
 
Wenn ich es schaffe mir meine Päckchen und Gewichte handlebarer zu gestalten, dann habe ich bereits wieder ein Stück weit gewonnen gegen diese Krankheit und das ist auch gut so.


Weitere Informationen und Hilfsangebote:
Deutschlandweites Info-Telefon Depression: 0800 3344 533 (kostenfrei)

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